Himmel & Hölle oder Himmel und Hölle, Heiliges und Hexerei der weltbesten Organistin
Musikal Pointers / März 2006 über "Ein Jahrhundert in Wien"
Viola - Trios HER2119
 
 
 deutsche Übersetzung
CD - Besprechung in "Musikal Pointers", März 2006 
"Ein Jahrhundert in Wien" mit Werken von Beethoven, Brahms und Zemlinsky 
Ausführende: Vidor Nagy (Viola), Jürgen Gerlinger (Cello), Carmen Piazzini (Klavier) Edition Hera «HER2119» 

CD-Besprechung

Das ist ein interessanter Gedanke: drei Trios, die die Entwicklung des musikalischen Denkens in einer bestimmten Stadt über ein Jahrhundert hinweg aufzeigen. Wenn man dazu noch die Weltpremiere einer Aufnahme eines bekannten Komponistennamens nimmt, bekommt man ein stattliches Paket zusammen.
Die Komponisten sind, wie man der Überschrift oben entnehmen kann, Beethoven, Brahms und Zemlinky, Das Premierenstück ist - man wird es vielleicht kaum glauben wollen - das Werk von Beethoven. Ich konnte dies auch nicht recht glauben, deshalb habe ich einige Nachforschungen betrieben. Es scheinen keinerlei anderen Aufnahmen des Werkes als Trio erhältlich zu sein - höchst ungewöhnlich, wenn man den Namen des Komponisten in Betracht zieht und die Tatsache bedenkt, dass die Partituren der Trioversion und der vertrauteren Gestalt des Stückes als Sextett im Abstand weniger Monate der Welt bekannt gemacht wurden.
Die Trioversion ist ein introvertierteres und ruhigeres Stück als die bekanntere Sextettfassung. 
Das Strahlende im Ton, das die Sextettversion auszeichnet, ist abgemildert, aber die Trioversion hat eine Lebhaftigkeit in der Kompositionsweise des Klavierparts, die an Mozarts Einfluss während Beethovens jungen Jahren erinnert. Ich selbst habe gemerkt, dass mir die Hörner in der Sextettfassung als tragende Melodiestimmen lieber sind als die beiden Streicherstimmen in der Trioversion. 
Trotzdem hat die kleiner besetzte Fassung auch ihre Vorzüge - die dunklere Klangfarbe der Viola und des Cellos zeigt eine würdevollere Facette des Stückes. Das Adagio ist mit 3:35 Minuten eine ganze Minute schneller als meine Aufnahme der Sextettfassung aus den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit Mitgliedern der Berliner Philharmoniker. Es streicht vorteilhaft die dunkleren Klangschattierungen des Trios heraus, wenn die Hornstimmen von den beiden Streicherstimmen übernommen werden. Da kommt der Glanz der Triofassung hervorragend zur Geltung, aber ich selbst favorisiere eben immer noch die wunderbare Verschmelzung der Hornstimmen in der Sextettfassung. Die Schreibweise der Klavierversion für das Trio liefert andererseits eine Klangbasis, die mehr überzeugt als die Streicherstimmen des Sextetts. Andere Hörer sind vielleicht anderer Ansicht, aber das gehört alles zum Vergnügen, das man beim Hören unterschiedlicher Versionen haben kann.
Das Werk von Zemlinsky, das fünf Jahre nach dem von Brahms komponiert wurde, hat eine ganz andere Struktur, was gleich schon durch den Beginn des ausgedehnten ersten Satzes deutlich wird. 
Das fließende Eingangsthema wird wiederholt in Rachmaninow'schen Oktaven vorgestellt. Insgesamt ist die musikalische Sprache jedoch gar nicht so weit von der von Brahms entfernt. Die Schwere des Parts der linken Hand der Klavierstimme im ersten Satz erinnert sehr an Brahms. 
Zemlinskys Musiksprache dringt jedoch noch weiter in das Wesen der Romantik ein. Die, denen Zemlinsky nicht so vertraut ist, werden ihn wohl eher als Brücke zwischen Brahms und den letzten Romantikern wie Rachmaninow sehen, der 1943, also nur ein Jahr später, gestorben ist. In diesem Stück spielt das Ensemble etwas feuriger, besonders während einiger der beunruhigenden Momente im ersten Satz direkt vor der Coda. Ein ungünstiger Aspekt bei der Aufnahme ist die Tatsache, dass die Mikrofone gedämpft und weit entfernt positioniert waren. In einigen Wiedergabesystemen, besonders bei Auto- Hifi, klingt dies außerordentlich weit entfernt, wobei das Klavier grundsätzlich gut zu hören ist, aber die zwei Streicherstimmen in der klanglichen Umgebung verschwimmen. Dies gleicht sich bei einer qualitativ guten Anlage im heimischen Wohnzimmer aus. Doch nicht jeder hat so eine, und die, die keine haben, werden wahrscheinlich die Lautstarke aufdrehen müssen, um das abzugleichen.
Insgesamt sind dies gefühlvolle, wenn auch etwas abgemilderte Aufnahmen wobei der Brahms besonders schön musiziert wurde, aber die Aufnahmebedingungen fuhren teilweise dazu, dass das Drängende in Abschnitten, wo es nötig wäre, etwas weniger ausgeprägt ist.

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