CD - Besprechung in "THE STRAD", März 2006
"Ein Jahrhundert in Wien" mit Werken von Beethoven, Brahms und Zemlinsky
Ausführende: Vidor Nagy (Viola), Jürgen Gerlinger (Cello),
Carmen Piazzini (Klavier) Edition Hera «HER2119»
"Klarinette oder Viola" ist eine Wahlmöglichkeit, die man oft in
der Musik der Romantik findet, dazu noch eine, der die Bratschisten zwei
Eckpfeiler ihm Repertoires verdanken. Namentlich die Brahms - Sonaten op.
120. Davon habe ich vor gar nicht langer Zeit mit Vergnügen Vidor
Nagys und Carmen Piazzinis Aufnahme angehört, zu der sie den "gemütlichen"
Charme einer vergangenen Welt beisteuerten. Jetzt haben sie mit Nagys Cellokollegen
aus dem Staatsopernorchester Stuttgart ein ansprechendes Programm zusammengestellt,
wieder mit einem Hang zur Klarinette.
Auch wenn Brahms die Violafassung seines a-moll Trios nicht
selbst eingerichtet hat, scheint er sie doch gleichwertig mit dem Klarinettentrio
betrachtet zu haben und brachte beiden innerhalb weniger Tage zur Uraufführung.
(Joachim spielte die Violafassung). Nagys Spiel umgeht mit Leichtigkeit
die scharfen Kanten des Violaparts, der häufigere Ausflüge in
das höchste Regierter unternimmt als die Sonaten, Jürgen Gerlinger
ist gut auf ihn eingestimmt und Piazzini liefert den perfekten Hintergrund
für ihre Kollegen, wobei sie genau weiß, wann sie das Geschehen
selbst in die Hand nehmen muss. Zemlinskys Trio brachte seinem Komponisten
einen Komponistenpreis ein, der von keinem anderen als Brahms verliehen
wurde. Und wirklich wohnt beiden Kompositionen dieselbe spätromantische
Atmosphäre inne, und die Entstehungsjahre der Kompositionen liegen
gerade einmal fünf Jahre auseinander.
Beethovens Trio ist eher bekannt als Sextett op. 81b, aber es
ist in der Tat gleichzeitig in beiden Versionen veröffentlicht worden.
Ich kann nicht verstehen, wieso die Trioversion keinen Erfolg hatte. In
seinen für ihn typischen wissenschaftlichen Anmerkungen wird Ulrich
Drüner lyrisch und stellt fest, dass die Streicherstimmen in lieblichen
Terzen dahintanzen; wobei er die These vertritt, diese Fassung könnte
Beethovens ursprüngliche Gedanken darstellen. Die SWR - Aufnahme beinhaltet
alles, was sie sein sollte.
Carlos Maria Solare
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